Soziale Ausgrenzung (Exklusion)

Mit dem Begriff der Unterklasse (engl. underclass) werden Gruppierungen bezeichnet, die von den integrierenden Institutionen der Gesellschaft, insbesondere vom Arbeitsmarkt und den Systemen der sozialen Sicherung, aber auch von der Teilhabe an Bildung, Konsum und Kultur dauerhaft ausgeschlossen sind; er gehört also in den Umkreis der Diskussion um soziale Ausgrenzung (Exklusion).

Der Begriff wurde von Gunnar Myrdal 1965 in die soziologische Diskussion eingeführt. (Damals konnte der englische Begriff class noch mit "Schicht" oder mit "Klasse" ins Deutsche übersetzt werden.) Anthony Giddens benutzte ihn 1973 in seiner "Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften". Gegenüber dem ähnlichen Begriff "Unterschicht" betont die deutsche Übersetzung den kapitalismuskritischen Unterton und die gemeinsamen Kampfinteressen der Angehörigen der Unterklasse (siehe auch den Artikel Neue Unterschicht).

Im Gegensatz zum englischen Begriff class versteht man in der deutschen Soziologie unter "Klassen" soziale Gruppierungen, die in Beziehung zueinander stehen. Dieses Verständnis geht auf die Marxsche Klassentheorie zurück und nicht den Begriff der sozialen Schicht bzw. des sozialen Milieus.

Der Begriff underclass umfasst vier verschiedene Aspekte:
  • ökonomischer Aspekt - dauerhafte Armut
  • sozialpsychologischer Aspekt - Entfremdung gegenüber der Mehrheit, Ausgrenzung
  • Verhalten - abweichendes oder kriminelles Verhalten, Anomie
  • ökologischer bzw. räumlicher Aspekt - räumliche Konzentration der ersten drei Aspekte Armut, Entfremdung und Anomie
„Wir bevorzugen eine Definition 'der' underclass als zusammengesetzt aus den Personen, die in städtischen, innerstädtischen Nachbarschaften oder Gemeinschaften leben, in denen hohe und wachsende Armut, vor allem dauerhafte Armut, ein hohes und wachsendes Maß an sozialer Isolation, Hoffnungslosigkeit und Anomie sowie an antisozialen oder dysfunktionalen Verhaltensmustern vorherrschen. Kein einzelner dieser Faktoren reicht für sich genommen aus, um eine Unterklasse zu bilden; sie müssen alle gleichzeitig vorhanden sein.“
  • (Devine/Wright 1993: 88f.)

Wohlfahrtsstaat
Das Phänomen der Armut im Wohlfahrtsstaat - verursacht durch langanhaltende Arbeitslosigkeit und zunehmend weniger aufgehalten durch sozialpolitische Maßnahmen - steht im Kontrast zum Beckschen Fahrstuhleffekt und hat bereits in den 90er Jahren zu der Frage geführt, ob auch die Bundesrepublik bzw. Westeuropa von der Entstehung einer underclass betroffen sei. Eine Übertragbarkeit des Konzepts wird dabei unterschiedlich beurteilt.

Seit den 1990er Jahren hat sich im Zuge von Massenarbeitslosigkeit und verstärkter sozialer Spaltung in den Industriegesellschaften, insbesondere in Reaktion auf einen Aufsatz von Charles Morris ("Is there a British underclass?", 1993), eine lebhafte Debatte um die Angemessenheit des Begriffs entwickelt. Kontrovers ist vor allem die Frage, ob die Ausgegrenzten tatsächlich einen Kern sozialer Gemeinsamkeiten aufweisen, also eine soziale Klasse darstellen. Doch gibt es auch eine politische Kontroverse darüber, ob Zugehörigkeit zur "Unterklasse" nicht eine Stigmatisierung der dieser zugerechneten Gruppen darstelle. Das gilt besonders dann, wenn als integrierendes Element der Unterklasse eine Kultur der Armut ("culture of poverty") unterstellt wird.

Kultur der Armut
Der Begriff der "Kultur der Armut" oder auch "culture of poverty" stammt von dem amerikanischen Anthropologen Oscar Lewis. Er entwickelte ihn auf der Basis familienzentrierter Feldforschung in Ländern der Dritten Welt. Zentrale These ist dabei, dass diese Kultur persistent, also stabil sei. Die Merkmale der Kultur würden zwischen den Generationen weitergegeben. Sei die Kultur erst einmal entstanden, verselbständige sie sich gegenüber ihren Entstehungsbedingungen und bleibe auch dann bestehen, wenn diese nicht mehr wirkten. Ihr Entstehung sei an bestimmte Bedingungen geknüpft:
  • eine hohe Rate der Dauerarbeitslosigkeit (bei niedriger Qualifizierung der Arbeitskraft)
  • fehlende soziale Organisation

Marginalisierung
Marginalisierung ist ein Prozess, bei dem Bevölkerungsschichten an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und dadurch noch weniger am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Im extremen Fall endet Marginalisierung für die Betroffenen in Krankheit oder Hungertod. Dies kommt heute in den Industrieländern, in denen meist noch ein funktionierendes System der sozialen Sicherheit vorhanden ist, kaum vor, ist aber in vielen Entwicklungsländern verbreitet.

Die Existenz am Rande einer sozialen Gruppe, Klasse oder Schicht wird auch als Marginalität bezeichnet. Ein klassisches Beispiel dafür sind die Elendsviertel von Städten in Entwicklungsländern, etwa in Lima.

Marginalisierung ist nach Iris Marion Young eine der fünf Erscheinungen, die zusammen Soziale Unterdrückung kennzeichnen.